Digitalisierung im Familienunternehmen: Mitarbeiter mitnehmen statt überrollen
Früher haben wir Wartungsscheine mit der Hand geschrieben und die dann irgendwie in ein System getippt. Dieser Satz von Elisabeth Heißenberger, Geschäftsführerin von Aufzug Heißenberger, klingt nach einer anderen Zeit. Er beschreibt den Zustand von 2018. Heute laufen alle Aufträge digital über mobile Lösungen, die sich automatisch ins ERP-System einspielen. Was zwischen 2018 und heute passiert ist, war kein IT-Projekt. Es war ein Kulturprojekt.
Das eigentliche Problem bei der Digitalisierung im Handwerk
Wenn Familienunternehmen im Gewerbe über Digitalisierung sprechen, denken sie oft zuerst an Software. Welches ERP-System? Welche App? Welche Schnittstellen? Das ist die falsche Reihenfolge.
Aufzug Heißenberger hat Mitarbeiter, die seit über 40 Jahren im Unternehmen sind. Manche haben noch beim Schwiegervater von Elisabeth angefangen, in einer Arbeitswelt, in der ein Wartungsschein auf Papier der Standard war. Diese Menschen einfach mit einem Tablet auszustatten und zu sagen “ab jetzt digital” funktioniert nicht. Es gibt Bedenken, Vorbehalte, manchmal Probleme in der Benutzung. Das ist keine Frage der Intelligenz oder des guten Willens. Es ist eine Frage des Vertrauens in die neue Technologie und des Verständnisses, warum die Veränderung sinnvoll ist.
Was Aufzug Heißenberger konkret gemacht hat
Den Nutzen zeigen, nicht erklären: Wer einem Monteur sagt, das neue System ist effizienter, überzeugt niemanden. Wer ihm zeigt, dass er mit der App die komplette Aufzugshistorie der letzten sechs Monate auf dem Handy hat, bevor er überhaupt die Tür aufmacht, das ist ein anderes Gespräch.
Schrittweise vorgehen: Der Wechsel von Papier zu digital ist nicht an einem Tag passiert. Es war ein mehrstufiger Prozess, bei dem neue Werkzeuge eingeführt wurden, wenn die vorherigen saßen.
KI nicht als Bedrohung, sondern als Entlastung positionieren: Elisabeth Heißenberger hat einen klaren Standpunkt. KI nimmt im Handwerk keine Jobs weg. Sie gibt den Menschen mehr Zeit für die Arbeit, für die sie wirklich da sind. Der Monteur steht am Aufzug. Der Vertriebsmitarbeiter ist beim Kunden. Die Verwaltung bearbeitet Ausnahmen statt Routinen.
Einen internen Circle aufbauen: Elisabeth hat eine Gruppe von Frauen aus unterschiedlichen Abteilungen zusammengebracht, die ein AI-Bootcamp gemacht haben. Ihr Auftrag: prüfen, wo KI im eigenen Bereich sinnvoll eingesetzt werden kann. Das ist kein Top-down-Rollout, sondern ein Bottom-up-Prozess, der Eigenverantwortung erzeugt.
Skepsis ernst nehmen: Wer sagt, die Mitarbeiter sollen einfach mitmachen, verliert sie. Wer die Skepsis als legitim anerkennt und gleichzeitig zeigt, dass die Technologie funktioniert, gewinnt Vertrauen. Das braucht Zeit.
Einordnung: Was andere Familienunternehmen daraus lernen können
Das Muster bei Aufzug Heißenberger ist kein Einzelfall. Es ist das Standardproblem bei der Digitalisierung im Gewerbe: Die Technologie ist verfügbar, aber die Organisation ist nicht bereit. Der häufigste Fehler: Man kauft die Software, schult die Mitarbeiter zwei Stunden lang und wundert sich dann, warum die Nutzung nach drei Monaten einbricht.
Was funktioniert:
- Früh kommunizieren, warum die Veränderung kommt, nicht erst wenn die Software schon steht
- Interne Multiplikatoren aufbauen, Menschen, die die neue Arbeitsweise vorleben und Fragen beantworten
- Kleine Erfolge sichtbar machen: Wenn der erste automatisierte Bericht an die Hausverwaltung rausgeht und der Monteur merkt, dass er das nicht mehr manuell tippen muss, ist das ein Moment, den man nutzen sollte
- Nicht alles auf einmal: Wer gleichzeitig ERP, App, KI und neue Prozesse einführt, überfordert jeden
Fazit
- Digitalisierung im Handwerk ist zuerst ein Kulturprojekt, dann ein IT-Projekt
- Mitarbeiter mit langer Betriebszugehörigkeit brauchen den Nutzen gezeigt, nicht erklärt
- Interne Multiplikatoren sind wirksamer als externe Schulungen
- Skepsis gegenüber neuer Technologie ist normal und legitim, sie muss ernst genommen werden
- Change Management ist kein Einmaltermin, sondern ein kontinuierlicher Prozess
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