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24. Juni 2026 · Daniel Schatzl · Praxisbericht

Fachkräftemangel in der Zerspanung: Warum Automatisierung über das Überleben des Standorts Österreich entscheidet

Viele österreichische Zerspanungsbetriebe resignieren beim Thema Fachkräftemangel. Paul Kobinger, Geschäftsführer der KOWE CNC GmbH in Geinberg, macht es anders. Sein Betrieb stieß an eine harte Grenze: Die Aufträge waren da, aber die Leute fehlten. Seine Antwort war kein Verzicht, sondern eine klare Entscheidung für Automatisierung im eigenen Werk und einen zusätzlichen Standort im Ausland. Nach diesem Artikel weißt du, wie ein mittelständischer Zerspanungsbetrieb den Fachkräftemangel konkret angeht, ohne Qualität oder Kundenbindung zu opfern.

Warum der Fachkräftemangel in der Zerspanung anders wirkt als anderswo

In vielen Industriebetrieben ist Fachkräftemangel ein Ärgernis. In der Zerspanung ist er ein Wachstumsstopper. Einfache Dreh- und Frästeile fertigt in Österreich schon lange niemand mehr, weil das Preisniveau das nicht hergibt. Was bleibt, sind die komplexen, anspruchsvollen Teile. Und genau dafür braucht man ausgebildete Zerspanungstechniker, die es kaum noch gibt. KOWE CNC beschäftigt am Standort Geinberg rund 25 Mitarbeiter im Zweischichtbetrieb. Kobinger bringt es auf den Punkt: Der Umsatz konnte nicht mehr wachsen, weil kein Personal zu finden war. Eine Glasdecke aus fehlenden Fachkräften.

Das ist kein Einzelfall. Wer heute mit Produktionsleitern in der DACH-Region spricht, hört überall die gleiche Geschichte. Aufträge sind da, aber niemand bedient die Maschinen. Der Unterschied zwischen Betrieben, die daran scheitern, und Betrieben, die weiterwachsen, liegt selten an der Auftragslage. Er liegt daran, wie konsequent sie auf Automatisierung setzen und wie schnell sie bereit sind, ungewöhnliche Wege zu gehen.

Das Praxisbeispiel: Wie KOWE CNC reagiert hat

Bei KOWE lief die Automatisierung auf zwei Ebenen.

Erstens die Maschinenautomatisierung. Bei CNC-Drehmaschinen setzt der Betrieb auf Stangenlademagazine, für viele Anwendungsfälle die günstigste Form der automatisierten Fertigung. Im Fräsbereich arbeitete KOWE lange mit einer einfachen Schraubstockautomatisierung, bis diese an ihre Grenzen kam. Der nächste Schritt war eine Automatisierungslösung mit digitaler Auftragssteuerung. Das System übernimmt für die Maschine die Information, welcher Auftrag als nächstes kommt, wie viele Teile zu fertigen sind und wie lange die eingesetzten Werkzeuge noch halten. Kobinger rechnet durch diese neue Lösung im Fräsbereich mit einer fast doppelt so hohen Ausbringungsmenge.

Zweitens die strukturelle Antwort auf den Fachkräftemangel: der Standort in Slowenien. Der erste Versuch vor rund 15 Jahren scheiterte, weil KOWE dort keine Vertrauensperson vor Ort hatte. Das Learning war eindeutig. Wer als kleiner Familienbetrieb im Ausland etwas aufbaut, braucht dort jemanden, dem er wirklich vertraut. Der zweite Anlauf gelang, weil ein erfahrener KOWE-Mitarbeiter mit kroatischen Wurzeln bereit war, das Projekt vor Ort zu führen. Heute betreibt KOWE in Grenznähe zu Graz einen Standort mit drei Mitarbeitern und drei Maschinen. Der Standort profitiert von einer regionalen Berufsschule, aus der jährlich 30 bis 60 ausgebildete Zerspanungstechniker kommen, und von einem Betriebsklima, das faire bis leicht überdurchschnittliche Bezahlung ermöglicht.

Kobingers Klarstellung dazu ist wichtig: Der Schritt ins Ausland war keine Kostenoptimierung. Er war notwendig, weil der Betrieb in Österreich schlicht nicht mehr genug Personal fand, um die vorhandene Nachfrage zu bedienen.

Einordnung: Was das für deinen Betrieb bedeutet

Viele Betriebe betrachten Automatisierung und Auslandsstandort als Entweder-oder. Das ist ein Fehler. Beides schließt sich nicht aus, es ergänzt sich. Automatisierung löst das Kapazitätsproblem am bestehenden Standort. Ein zusätzlicher Standort löst das Problem, wenn der lokale Arbeitsmarkt leer ist.

Der typische Fehler bei Auslandsprojekten deckt sich exakt mit Kobingers Erfahrung: Unternehmen unterschätzen, wie wichtig eine echte Vertrauensperson vor Ort ist. Technologie, Förderungen, Standortvorteile sind zweitrangig, wenn niemand da ist, der täglich Verantwortung übernimmt.

Bevor du über einen Auslandsstandort nachdenkst, prüfe, wie weit du deine eigene Automatisierung ausgereizt hast. Bei KOWE kam die neue Fräsautomatisierung, bevor der zweite Auslandsversuch anlief. Das ist die richtige Reihenfolge: erst das eigene Werk so effizient wie möglich machen, dann strukturell erweitern.

Checkliste für den Umgang mit Fachkräftemangel in der Fertigung

  • Prüfe, wo Automatisierung im bestehenden Werk noch ungenutztes Potenzial hat, bevor du über neue Standorte nachdenkst.
  • Wenn ein Auslandsstandort infrage kommt: Suche zuerst die Vertrauensperson, dann das Grundstück.
  • Bevorzuge Regionen mit funktionierender Berufsausbildung in deiner Zielbranche.
  • Kommuniziere intern klar, dass ein Auslandsstandort Kapazitätsergänzung ist, keine Kostenverlagerung. Das schafft Akzeptanz bei der Belegschaft.

Die wichtigsten Learnings

  • Fachkräftemangel in der Zerspanung ist kein Randproblem. Er ist der zentrale Wachstumsbremser für viele Betriebe.
  • Automatisierung mit digitaler Auftragssteuerung erhöht die Ausbringungsmenge deutlich, ohne zusätzliches Personal.
  • Ein Auslandsstandort funktioniert nur mit einer echten Vertrauensperson vor Ort. Alles andere ist zweitrangig.
  • Die Reihenfolge zählt: erst die eigene Automatisierung ausreizen, dann strukturell erweitern.
  • Regionale Berufsausbildung ist ein entscheidender, oft unterschätzter Standortfaktor.

Nächster Schritt

Wenn du selbst an einer ähnlichen Glasdecke stehst, mehr Aufträge als Personal, dann schau dir zuerst deine Automatisierungspotenziale an, bevor du über neue Standorte nachdenkst. In einer KI-Engpass-Analyse finden wir gemeinsam heraus, wo dein größter Hebel liegt.