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24. Juni 2026 · Daniel Schatzl · Praxisbericht

KI im Mittelstand einführen ohne Gesamtstrategie: Das Vorgehen von KOWE CNC

Paul Kobinger, Geschäftsführer der KOWE CNC GmbH, hat erkannt, dass klassische Digitalisierungsprojekte und KI-Einführung nach komplett unterschiedlicher Logik funktionieren. Nach diesem Artikel weißt du, warum das Warten auf die perfekte KI-Strategie ein Fehler ist und wie du stattdessen konkret vorgehst.

Warum klassische Digitalisierungsstrategie bei KI nicht funktioniert

Bei klassischen Digitalisierungsprojekten kennt man das Zielbild von Anfang an. Kobinger nennt als Beispiel die digitale Werkzeugverwaltung bei KOWE: Von Beginn an war klar, dass das ERP-System mit dem Werkzeugschrank und dem CAM-System verknüpft werden soll. Der Weg dorthin ließ sich logisch in Schritten planen.

Bei KI ist das anders. Genau das unterschätzen viele Betriebe. Kobinger hat seinen Betriebsleiter bereits 2021 zum Digital Transformation Manager ausbilden lassen, mit dem klaren Anspruch, eine Strategie zu entwickeln. Das Problem: Die KI-Technologie hat sich so schnell entwickelt, dass praktisch jede Strategie nach wenigen Monaten schon wieder überholt war. Niemand, auch Kobinger nicht, kann heute seriös sagen, wo die Grenzen von KI in ein paar Jahren liegen werden. Wer auf ein fertiges Endbild wartet, bevor er anfängt, wartet vergeblich.

Das Praxisbeispiel: Wie KOWE trotzdem vorangeht

KOWE hat sich für ein pragmatisches Vorgehen entschieden: klares Ziel auf hoher Flughöhe (Flexibilisierung und Entlastung der Mitarbeiter), aber keine im Detail durchgeplante Roadmap. Stattdessen wird Schritt für Schritt entlang konkreter Schmerzpunkte gearbeitet.

Konkrete Beispiele aus dem Betrieb:

Vertragsanalyse: Als Geschäftsführer musste Kobinger früher jedes einzelne Dokument bei neuen Kunden selbst lesen: Code of Conducts, NDAs, Einkaufsbedingungen, Qualitätssicherungsvereinbarungen. Heute lässt er diese Dokumente analysieren und bekommt eine Einschätzung, an welchen Punkten KOWE gegenüber dem Kunden schlechter gestellt ist. Das spart ihm nach eigener Aussage erhebliche Zeit. Eine anwaltliche Prüfung ersetzt das nicht.

Kundenkommunikation: Bei kritischen oder emotional aufgeladenen Kunden-E-Mails nutzt das Führungsteam KI als Sparringspartner. Die Fakten werden von der Emotion getrennt, das Formulieren geht schneller.

Marketing und Content: Statt stundenlang ein Briefing für die Social-Media-Agentur zu schreiben, gibt Kobinger heute ein paar Punkte vor und bekommt eine Vorlage, mit der die Agentur direkt weiterarbeiten kann.

AEO statt nur SEO: Über das CRM-System HubSpot ist KOWE auf die Optimierung für KI-gestützte Suchanfragen aufmerksam geworden. Wenn jemand eine KI fragt, wer die besten Zerspanungsteile in Österreich liefert, und KOWE dort nicht gelistet ist, wird die Konkurrenz vorgeschlagen. Auch die Wahrnehmung als Arbeitgeber durch KI-Systeme ist inzwischen relevant.

Genutzt wird bei KOWE dafür im Wesentlichen ChatGPT in der Pro-Variante, mit Zugriff für Geschäftsführung, Betriebsleiter und Verkaufsleiter.

Für die Fertigung selbst sieht Kobinger noch größeres, bislang ungenutztes Potenzial: Maschinendatenauswertung, Auswertung von Messergebnissen oder automatisierte Erstellung von Prüfplänen aus PDF-Zeichnungen. Der Grund, warum das noch nicht umgesetzt ist: viele Inselsysteme im Betrieb (ERP, CAM, CAD, Qualitätsmanagement, Werkzeugverwaltung), die untereinander nicht ausreichend verknüpft sind, und berechtigte Datenschutzfragen bei vertraulichen Kundendaten.

Einordnung: Was du daraus für deinen Betrieb mitnehmen kannst

Der zentrale Fehler, den ich bei vielen Betrieben sehe, ist das Warten auf die große, fertige KI-Strategie, bevor überhaupt etwas umgesetzt wird. Das kostet nur Zeit, während Wettbewerber längst erste Anwendungsfälle live haben. KOWEs Ansatz zeigt den richtigen Weg: ein klares übergeordnetes Ziel definieren und dann entlang echter, spürbarer Schmerzpunkte vorgehen, nicht entlang eines theoretischen Idealbilds.

Ein zweiter Punkt, den Kobinger anspricht und den ich in der Praxis ständig sehe: Es reicht nicht, wenn nur die Geschäftsführung KI nutzt. Der Effekt entsteht erst, wenn die breite Mitarbeiterschaft die Werkzeuge versteht und im Alltag einsetzt. KOWE hat dafür einen eigenen KI-Schulungsteil in die jährliche IT-Schulung integriert, inklusive klarer Regeln, was ein- und ausgegeben werden darf, gerade mit Blick auf Informationssicherheit.

Und ein Punkt, der oft vergessen wird: Fortschritt machen bedeutet nicht, jede neue Anwendung sofort auszuprobieren. Kobinger beschreibt selbst, wie schnelllebig das Feld ist und wie wichtig es ist, sich bewusst Pausen zu gönnen, statt jedem neuen Tool hinterherzulaufen.

Die wichtigsten Learnings

  • Klassische Digitalisierungsprojekte und KI-Einführung folgen unterschiedlicher Logik. KI-Strategien mit fixem Endbild sind meist schon veraltet, bevor sie fertig sind.
  • Ein klares übergeordnetes Ziel reicht aus, um loszulegen. Eine detaillierte Roadmap ist nicht notwendig.
  • Die stärksten aktuellen Anwendungsfälle liegen in der Verwaltung: Vertragsanalyse, Kundenkommunikation, Content-Erstellung.
  • AEO (Optimierung für KI-Suchanfragen) wird zum relevanten Faktor, auch für die Wahrnehmung als Arbeitgeber.
  • Der größte Hebel in der Fertigung selbst liegt noch brach, limitiert durch unverbundene Inselsysteme und Datenschutzfragen.
  • KI-Einführung funktioniert nur, wenn die ganze Belegschaft eingebunden wird, nicht nur die Geschäftsführung.

Nächster Schritt

Du wartest noch auf die perfekte KI-Strategie, bevor du startest? Genau das kostet dich Zeit. In einer KI-Engpass-Analyse identifizieren wir gemeinsam die konkreten Schmerzpunkte in deinem Betrieb, an denen du sofort ansetzen kannst.